© Anouk De Clercq

Dieses Jahr widmen wir in Kooperation mit sixpackfilm (kuratiert von Gerald Weber) der angesehenen belgischen Künstlerin Anouk De Clercq ein spezielles Spotlight-Programm. Die 70-minütige Personale läuft am Freitag, 27. Mai, ab 21:00 Uhr im METRO Kinokulturhaus. Anouk De Clercq wird auch Teil der Animation Avantgarde Jury sein.

Im Zuge der Vorbereitungen zum Spotlight-Programm hatten wir die Gelegenheit, mit der Künstlerin über den Prozess des Filmemachens und ihre Inspirationsquellen zu reden. Außerdem verrät Sie, von wem sie ihre Vorstellungen gerne inszeniert sähe.

 

"Anouk de Clercq erforscht das audiovisuelle Potenzial von Computersprache, um neue Welten entstehen zu lassen, von denen viele über einen streng architektonischen Charakter verfügen. Sie hat zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem den illy Award der Art Brussels 2005 und den Prix Ars Electronica Honorary Mention 2014. Ihre Arbeiten wurden u.a. bereits in der Tate Modern, im Centre Pompidou, im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia und beim International Film Festival Rotterdam gezeigt. Sie ist Mitgründerin von Auguste Orts und wird von der Sofie Van de Velde Galerie repräsentiert." (portapak.be)

VIS: Deine Arbeit vermittelt ein sehr puristisches Kinoerlebnis, geradezu nackt. Wie gehst du an deine Filmprojekte heran? Startest du mit einer abstrakten Idee, die du versuchst zu verfestigen, oder beginnst du mit etwas Materiellem, dessen potenzielle Bedeutung es zu erforschen gilt?

Anouk De Clercq: Es stimmt, dass ich meine Arbeit sehr nackt darstelle, nicht im Sinne von spärlich gekleideten Damen, sondern dahingehend die Realität auf das Wesentliche zu reduzieren.
Bevor ich tatsächlich eine neue Arbeit beginne, beschreibe ich sie. Zuerst habe ich eine Liste aus Wörtern und kurzen Phrasen, Fragmente, die ich gelesen und markiert oder niedergeschrieben habe, als ob ich mich durch Synonyme wälzen müsste, um beim tatsächlichen Wort ankommen zu können. Dann hebe ich es hervor: Da, das ist es, um es zu zeigen oder zu offenbaren.
Während ich arbeite, versucht alles - die visuellen Elemente, die Formen, der Klang, usw. - die eigene Herkunft ausfindig zu machen. Alles (ein Hügel, ein Licht, eine Mauer, eine Linie, ein Kreis, ein Punkt) sucht nach einem Namen. Wenn alles einen Namen erworben hat, benenne ich die Arbeit, ich gebe ihr einen Titel.

VIS: Wer, würdest du sagen, hatte eine Wirkung auf dich in Bezug darauf, wie du über Raum denkst und wie er mit Erinnerungen und Vorstellungen verknüpft ist?

ADC: Len Lye und sein "Free Radicals" lehrte mich, wie sich eine Figur zwischen zwei Dimensionen (2D und 3D) bewegen kann. Lewis Carroll und Julio Cortázar zeigten mir den Weg zu anderen möglichen Welten und anderen Perspektiven.

VIS: Es scheint, als ob du an die Grenze dessen gehen möchtest, was sein oder nicht sein kann. Du schaffst es, den Bildschirm dreidimensional wirken zu lassen, der Ton wird zur mentalen Klanglandschaft, während Farbe die Leinwand mit dem eigentlichen Vorführraum verbindet. Wie erschaffst du deine filmischen Bilder?

ADC: Ich habe Musik und Film studiert und bin sehr interessiert an Literatur, Architektur und am Theater, daher fühle ich mich sehr wohl zwischen diesen drei verschiedenen Kunstformen. Ich mag es, mich zwischen unterschiedlichen Traditionen zu bewegen - die des fiktiven Films und des experimentellen Films, die der Kinoleinwand und der Kunstgalerie, der Musik und Kunst und dem Theater - oder zwischen den verschiedenen Gebieten. In diesen dazwischen liegenden Stilen, Perioden und Räumen formt sich meine Arbeit - eine unerwartete Kombination, kleine Verbindungen, minimale Fusionen.

VIS: Und wie passt für dich die Sprache zu all diesen Verbindungen? Speziell in deinem letzten Kurzfilm Black, in dem die Sprache für dich und die Mehrheit des Publikums eine Fremde ist. Sie ist unser Hauptkompass, um der Welt einen Sinn zu geben. Wie, würdest du sagen, formt dies das Betrachtungserlebnis?

ADC: Neuerdings, seit Thing, habe ich das Gefühl, durch die Erforschung des Schreibens präziser zu werden, kommunikativer oder sogar intimer. In Thing ist der Text das Rückgrat des Filmes - oder zumindest der Anfangspunkt -, aber in Black ist er das ausschlaggebende Element. Ich mag es, die Erfahrung von Black mit dem, was passiert, wenn man ein Buch liest, zu vergleichen. Im Falle von Black wird der Akt des Lesens mit den anderen Leuten im Kinosaal geteilt, aber es bleibt, denke ich, dennoch eine ziemlich intime Angelegenheit.

VIS: In einigen deiner Arbeiten gibt es eine Verbindung zwischen Zerfall/Tod und Kreation, wie etwa in Swan Song und Black, die das "Objekt" des Films mehr als einen Prozess darstellen. Wie passen der/die ZuschauerIn und ihre Vorstellungen in diesen Prozess?

ADC: Im Herzen von nahezu jeder Geschichte in dieser Welt liegt die Begegnung zwischen Licht und Dunkelheit. Zuerst war die Dunkelheit und dann kam das Licht, das Leben erzeugte. Diese alte Prämisse kann dem Filmerlebnis ähnlich sein: Der Vorhang öffnet sich und die Lichter gehen aus. Das Geflüster des Publikums klingt nach und nach ab, und man wartet auf die Beleuchtung der Kinoleinwand und die Vorstellungen und Anfänge einer Geschichte kommen mit dem Licht.

VIS: Abschließend würden wir noch gerne wissen: Wenn du dich entscheiden könntest, von wem würdest du gerne deine Gedanken und Vorstellungen "inszenieren" oder "formen" oder "choreografieren" lassen?

ADC: Apichatpong Weerasethakul. Weil er der Meister der "schwebenden Welten" ist und ich mich in seinen Filmen wie zuhause fühle.

Interview Diana Mereoiu